Rekonstruktive Chirurgie
Die Rekonstruktive Chirurgie befasst sich mit der Wiederherstellung der Körperoberfläche nach Tumoroperationen oder Unfällen aber auch mit der Schaffung normaler Formen und Funktionen bei angeborenen Fehlbildungen. Wegen der Vielfältigkeit der Defekt-Größen, -Arten und -Lokalisationen ist eine große Methodenvielfalt notwendig. Mikrochirurgische Techniken zur Verpflanzung großer durchbluteter Hautareale, von Gewebekombinationen unter Einschluss von Muskeln und Knochen haben wesentlich erweiterte Möglichkeiten zur Wiederherstellung eröffnet, z.B. um gelähmte Gesichtsmuskeln zu ersetzen oder große offene Knochendefekte nach Unfällen oder Tumoren zu überbrücken. Dadurch ist umgekehrt natürlich auch eine größere Radikalität beispielsweise in der Tumorchirurgie möglich geworden, die die Chancen zur Heilung des Tumorleidens verbessern hilft.
Die Rekonstruktive Chirurgie befasst sich in erster Linie mit der
Wiederherstellung von Form und Funktion nach Unfällen und Tumoroperationen
sowie mit der Korrektur angeborener Fehlbildungen. In das Aufgabengebiet
der Rekonstruktiven Chirurgen fallen die Rekonstruktion der Haut und
der Weichteile, die Rekonstruktion von Muskeln und Sehnen, Knochen und
Knorpel sowie die Chirurgie der peripheren Nerven. In der Replantation,
also dem Wiederannähen abgetrennter Gliedmaßen, vereinen
sich diese einzelnen Bereiche zu einer Methode. Dank ihrer filigranen
Operationsmethoden ist die Mikrochirurgie ein wichtiger Bestandteil
der Rekonstruktiven Chirurgie.
Bereits im frühen Mittelalter beschrieben Chirurgen im Nahen Osten
und in Indien operative Techniken der Rekonstruktion; überliefert
ist die Darstellung der Rekonstruktion einer abgetrennten Nase aus Gewebe
des Oberarms sowie die erste Transplantation eines Beines durch Cosmas
und Damian. Doch erst zu Beginn der 50er Jahre unseres Jahrhunderts
nahm die Rekonstruktive Chirurgie ihren Aufschwung. Dank einer deutlichen
Verbesserung der Narkoseverfahren wurden die zeitlich langen Operation
mit aufwendigen Operationstechniken überhaupt erst möglich.
Für den Rekonstruktiven Chirurgen ist die spezielle Kenntnis der
Durchblutungsmuster der verschiedenen Gewebe von äußerster
Wichtigkeit. Nur Gewebe, das gut durchblutet ist und damit eine ausreichende
Sauerstoffzufuhr erhält, kann für die Rekonstruktionen eingesetzt
werden. So kann beispielsweise ein durch einen Unfall entstandener Haut-
oder Weichteildefekt am Unterschenkel durch die Verschiebung von Muskulatur
oder Muskel- und Hautgewebe aus der Wade verschlossen werden.
In den letzen Jahren hat die Brustrekonstruktion nach Tumoroperationen
bzw. Amputationen immer mehr Beachtung gefunden. In diesem Aufgabenfeld
haben sich verschiedene Verfahren etabliert: der Aufbau durch Prothesen,
durch verschobenes Gewebe vom Rücken oder die mikrochirurgische
Verpflanzung von Bauchhaut-Fett.
Die Rekonstruktive Chirurgie läßt sich in folgende Disziplinen unterteilen:
- Plastische Chirurgie Gesicht, Kopf, Hals
- Plastische Chirurgie der Brust- und Bauchwand
- Plastische Chirurgie der Extremitäten
- Mammachirurgie
- Plastische Chirurgie im Urogenitalbereich
- Transsexuelle Veränderungen
Aktuelle Fortschritte der Rekonstruktiven Chirurgie
Die Rekonstruktive Chirurgie hat das Ziel der Wiederherstellung von Form und Funktion bei erworbenen und angeborenen Defekten. Naturgemäß ist sie dadurch zu einem großen Anteil in den übrigen Bereichen der Plastischen Chirurgie, d.h. in der Handchirurgie, der Verbrennungschirurgie und selbst in der ästhetischen Chirurgie enthalten. Da sehr viele Defekte auch die Körperoberfläche und damit das Äußere des Menschen betreffen, hängt das Gelingen der Rekonstruktiven Chirurgie in hohem Maße davon ab, ob auch die ästhetische Seite des Operationsergebnisses für den Patienten akzeptabel ist.
5 Gebiete seien erwähnt, auf denen in der letzten Zeit Fortschritte erzielt wurden, die die Entwicklung der mordernen plastischen Chirurgie entscheidend geprägt haben:
- Gefäßgestielte Lappenplastiken
- Mikrochirurgie
- Expandertechnik
- Distraktionsbehandlung
- Endoskopie
1. Gefäßgestielte Lappenplastiken
Die Deckung von Defekten ist die häufigste Aufgabe
der plastischen Chirurgie. Sie besteht somit in erheblichem Aufwand
aus Techniken zur Verlagerung und Verpflanzung von Geweben. Von Anfang
an war das grundlegende Prinzip die Erhaltung einer gerade ausreichenden
Gewebsbrücke, über die die Blutversorgung des verlagerten
oder verpflanzten Gewebes sichergestellt wurde. Seit den Zeiten der
ersten italienischen Nasenplastik (Tagliacocci) bis zur Ära der
Rollappen und Wanderlappen, die bei der rekonstruktiven Chirurgie nach
dem zweiten Weltkrieg das wesentliche Verfahren darstellen, hat sich
an diesem Prinzip nichts geändert. Grundlage war die Geometrie
des verlagerten Lappens, d.h ein tolerables Längen-/Breitenverhältnis
sowie bei der Verpflanzung eine ausreichend breite Kontaktfläche
und eine ausreichend lange Zeitspanne für die Einheilung des Lappens.
Der entscheidende Fortschritt in Form der gefäßgestielten
Lappen war die konsequente Nutzung der Tatsache, dass die Durchblutung
des zu verlagernden Gewebes auch nur über einen Gefäßstiel
allein sichergestellt werden kann, d.h. über eine zuführende
Aterie und mindestens eine abführende Vene. Der Verzicht auf eine
Gewebsbrücke ausreichender Breite ergab erhebliche zusätzliche
Freiheitsgrade bei der Verlagerung solcher Lappen. Die Tatsache der
mikrochirurgischen Verpflanzung erlaubte zudem den Verzicht auf langwierige
Zwischenphasen, während deren früher der gesamte Wanderlappen
an der Spender oder Empfängerregion zugleich fixiert werden musste
- meist mit sehr unangenehmen Zwangshaltungen für den Patienten.
2. Die Mikrochirurgie
Die Einführung des Mikroskopes in der Chirurgie der periphären Nerven erlaubte erstmals eine ausreichend präzise Bearbeitung dieser mit dem bloßen Auge nicht ausreichen beurteilbaren Strukturen. Die Ergebnisse der Nervenwiederherstellung konnten dadurch entscheidend verbessert werden. Die neue Dimension hat die Mikrochirurgie vor allem durch die Mikrogefäßchirurgie gebracht mit:
- Replantation
- Freie Gewebeverpflanzung
Der mikrochirurgische Anschluß der Gefäße
erlaubte einerseits die Erhaltung abgetrennter Finger, Hände oder
Füße durch Replantation und andererseits die freie Verpflanzung
großer Gewebsabschnitte von einer Stelle des Körpers zu einer
anderen. Vor allem für die freie Gewebeverpflanzung ist ein hohes
Maß an technischer Sicherheit bei der mikrochirurgischen Gefäßnaht
erforderlich, da sonst der Verlust des gesamten Transplantates droht.
Seit der ersten freien Gewebeverpflanzung (Daniel und Taylor) wurde
eine große Anzahl freier Gewebetransplantate entwickelt, so dass
es nun möglich ist, große Hautareale, Muskeln, Knochen einzeln
aber auch zusammen an einem Gefäßstiel zu übertragen.
Grundlage ist stets die exakte Kenntnis der lokalen Gefäßarchitektur
und vor allem der möglichen anatomischen Varianten.
3. Expandertechnik
Die extreme Dehnbarkeit der menschlichen Haut ist sicher
ein bekanntes Phänomen. Man denke nur an die enorme Dehnung der
Bauchhaut und der Brusthaut im Rahmen der Schwangerschaft. In systematischer
Form wurde diese Eigenschaft der Haut jedoch erst seit der Einführung
der Expandertechnik genutzt. Man gewinnt durch Volumenvermehrung in
einem unter der Haut eingepflanzten Reservoir einen Überschuß
an Hautoberfläche, der dann nach Entfernung des Reservoirs zur
Defektdeckung in nächster Nähe genutzt werden kann.
4. Die Gewebedistraktion
Sie wurde primär in der Orthopädie eingesetzt,
gewinnt aber in der Plastischen Chirurgie zunehmend Bedeutung. Sie beruht
auf der Beobachtung, dass durch langsame Dehnung an einem durchtrennten
Knochen die Knochenneubildung in so starkem Maße angeregt werden
kann, dass eine Verlängerung um mehrere Zentimeter möglich
wird. Dabei wird nicht nur der Knochen selbst verlängert, sondern
auch die umgebenden Weichteile. In der plastischen Chirurgie ist dies
von Bedeutung, z.B. bei der Behandlung angeborener Fehlbildungen des
Mittelgesichtes, bei der Asymetrie des Unterkiefers und bei der Behandlung
der Klumphand.
5. Endoskopie
Die Chirurgie durch das Endoskop hat erst relativ spät
Eingang in die Plastische Chirurgie gefunden. Als minimal invasive Chirurgie
mit kleinen Zugangswegen, die weit entfernt vom eigentlichen chirurgischen
Geschehen angelegt werden können, hat sie bis jetzt vor allem dort
eine Anwendung gefunden, wo Narben sehr störend sind. Durchgesetzt
hat sie sich z.B. beim endoskopischen Stirnlift. Breite, wenn auch nicht
unumstrittene Anwendungen findet sie auch bei der endoskopischen Karpaldachspaltung,
d.h. bei der geschlossenen Eröffnung des Karpaltunnels in der Behandlung
des Karpaltunnelsyndroms.
Grundlagen der Rekonstruktiven Chirurgie
Nahttechniken
Einige technische Besonderheiten von Nähten in der Plastischen Chirurgie seien erwähnt:
1. Hautnähte:
Der plastischen Chirurg ist bemüht, möglichst
unauffällige Nähte für die Haut zu verwenden. Intrakutane
Nähte, d.h. unter der Haut liegende fortlaufende Nähte sind
dafür gut geeignet. Das auffällige Strickleitermuster, das
fast nach allen Hautnähten verbleibt, die mit Einzelknopfnähten
angelegt wurden, kann so recht einfach vermieden werden.
2. Sehnennähte:
Sehnennähte sind einerseits gefährdet durch Sehnenverwachsungen und andererseits durch die Ruptur, d.h. das Abreißen der Naht. Er werden noch immer höchst unterschiedliche Techniken zur Sehnennaht benutzt. Etliche Gemeinsamkeiten haben sich jedoch durchgesetzt:
- Solide Verankerung der Nähte fern ab von der eigentlichen Schnittfläche
- Axiale Führung der Fäden, d.h. parallel zur Faserrichtung der Sehnen
- Feinadaption der Sehnenstrümpfe mit einer fortlaufenden Naht im Bereich der Schnittfläche
- Entlastete, frühzeitige Mobilisation wann immer möglich
3. Gefäßnähte:
Die mikrochirurgische Naht kleiner Aterien und Venen,
d.h. im Bereich von weniger als 2 mm Durchmesser, wird mit speziellem
Instrumentarium unter dem Mikroskop ausgeführt. Ausreichende Übungen
muss der Chirurg in der Regel im Labor am experimentellen Modell gewinnen.
Die Gefäßnähte selbst, die sog. Anastomosen, werden
meist in der Form zahlreicher feinster Einzelknopfnähte durchgeführt,
die als End-zu-End aber auch als End-zu-Seit-Anastomosen angelegt sein
können. Die Funktionstüchtigkeit von Anastomosen, d.h. die
Dichtigkeit der Naht einerseits und die Durchlässigkeit der Anastomosen
andererseits wird sehr rasch evident. Ganz im Gegensatz zum Erfolg der
Nervennähte.
4.Nervennähte:
Da die Regeneration der Nerven mit ca. 1 mm pro
Tag fortschreitet, ist das Resultat jeder Nervennaht in der Regel erst
nach mehreren Monaten beurteilbar. Dennoch müssen auch diese Nähte
in sorgfältigster mikrochirurgischer Technik angelegt werden. Die
räumliche exakte Zuordnung der einzelnen Nervensegmente, die also
sog. Faszikel angelegt sind, spielt dabei eine wesentliche Rolle
Lappenplastiken
Geometrie spielt sowohl bei der Form als auch bei der Verlagerung von Lappen eine entscheidende Rolle. Die Bewegung, die ein Lappen bei seiner Verlagerung erfährt, kann z.B. systematisiert werden als:
- Vorschub
- Rotation
- Schwenkung
- Austausch
Planung:
Bei der Planung eines Lappens muss zahlreichen Erfordernissen Rechnung
getragen werden, z.B.:
- Die Form und Tiefe des Defektes.
- Der Verfügbarkeit von Gewebeüberschüssen in der Nachbarschaft. Der durch Wegnahme eines Lappens entstehende Defekt, der sogenannte Hebedefekt, kann nur dann primär verschlossen werden, wenn z.B. das umgebende Gewebe ausreichend dehnbar ist
- Die Form und Lage der verbleibenden Narben, z.B. im Verhältnis zu den mimischen Falten des Gesichts oder zu den Beugefalten der Extremitäten.
- Das Längen-/Breitenverhältnis bei nicht gefäßgestielten Lappenplastiken (sogenannte random pattern flaps).
- Die Architektur des versorgenden Gefäßstieles bei gefäßgestielten
Lappenplastiken (sogenannten axial pattern flaps). Je nachdem, ob
dieser Stiel direkt im Unterhautgewebe oder in der unter der Haut
liegenden Muskelhaut, (der sogenannten Faszie) oder in einem Muskel
unter der Haut liegt, spricht man dabei von einem:
o Kutanen Lappen (Unterhaut),
o Fasziokutanen Lappen (Muskelhaut, Faszie),
o Myokutanen Lappen (Muskel unter der Haut).
Transplantation:
Viele Probleme der rekonstruktiven plastischen Chirurgie werden durch
Verpflanzungen von Gewebe gelöst, z.B. von Haut, Knorpel, Knochen,
Sehnen, Nervenfaszien und Muskulatur. Dabei ist zu unterscheiden zwischen
der Transplantation mit Anschluß der versorgenden Gefäße
und der sogenannten "freien Transplantation", bei der das
transplantierte Gewebe im Empfängerbett einwachsen muss. Vor allem
bei freier Transplantation ist die Qualität des Empfängerbettes
entscheidend für das Gelingen. Infektion, Narben und Bestrahlungsfolgen
sind dabei ungünstige Voraussetzungen und erschweren die Transplantation.
Überall dort, wo eine freie Transplantation geringe Chancen hat,
bietet die gefäßgestielte Transplantation Vorteile, da sie
vom Empfängerbett weitgehend unabhängig ist.
Implantat:
Bei vielen Aufgaben der rekonstruktiven plastischen Chirurgie sind Implantate
unverzichtbare Hilfsmittel - zeitweise oder auch auf Dauer. Nicht selten
stellen sie zur Wiederherstellung mit körpereigenem Gewebe eine
einfachere Alternative dar. Als Beispiele seien genannt:
- Osteosynthesematerial: Schrauben, Platten, Bohrdrähte, Drahtnähte stellen in der Unfallchirurgie der Hand und des Gesichtes sehr wichtige Hilfsmittel zu exakten Behandlung von Knochenbrüchen dar. Aber auch bei Wahleingriffen mit Umstellung und Umformung des Skelettes sind sie für eine übungsstabile Fixation sehr wesentlich. Eine Sonderform stellen Distraktionen dar, die nach Durchtrennung des Knochens zur gezielten langsamen Verlängerung des Knochens und der umgebenden Weichteile eingesetzt werden. So z.B. bei angeborenen, sehr kurzen Fingern, oder nach Verlust des Daumens.
- Knochenimplantate: Die in der Kieferchirurgie zum Ersatz der Zähne angewandten Knochenimplantate dienen, geringgradig modifiziert, auch zur Fixation von Epithesen, die z.B. bei großen Gesichtsdefekten Anwendung finden oder nach dem Verlust von Ohren.
- Kunststoffimplantate nach Maß: z.B. in der Form von Knochenzement bei Konturdefekten des Schädeldaches oder in der Form maßgefertigter Silikonkörper zum Konturausgleich bei der Trichterbrust.
- Silikonimplantate zum Brustwiederaufbau - sicher die bekanntesten Implantate. Sie sind immer dann unverzichtbar, wenn körpereigenes Gewebe nicht in ausreichendem Umfang zur Verfügung steht, um das Volumen einer Brust wieder aufzubauen.
